Namen wider das Vergessen

Von Dr. HANS-MICHAEL KARLE

Rote Winkel sind den Bürgern der ehemaligen DDR als Kennzeichnung der politischen Häftlinge der Konzentrationslager des "Dritten Reiches" und - verabsolutiert - als Synonym des gesamten Widerstands gut bekannt. Dem Bürger der alten Bundesrepublik wiederum ist von den NS-Verbrechen vor allem der Holocaust gegenwärtig: die systematische Ausrottung von Millionen Menschen jüdischer Abstammung bzw. jüdischen Glaubens. Aber was wissen wir hier wie dort von den Menschen, die wegen ihres sexuellen Andersseins gelitten haben? Mit der offiziellen Anerkennung dieser Opfergruppe in der Nachkriegsentwicklung taten sich beide deutsche Staaten schwer. Daß die Verfolgungsgeschichte der Rosa-Winkel-Opfer im NS-Regime, nicht zuletzt aufgrund ihrer Kriminalisierung auch nach 1945, weitestgehend verdrängt wurde, hat sicher mit dazu beigetragen, daß wir über Homosexuelle und ihren konkreten Alltag in Konzentrationslagern wenig wissen. Wider das Unwissen erschien 1992 eine 48seitige Broschüre von Wolfgang Röll mit dem Titel "Homosexuelle Häftlinge im Konzentrationslager Buchenwald", in der er sich den Häftlingen mit dem rosa Winkel widmet. Der Autor nutzte Dokumente, Berichte und Auskünfte der Gedenkstätte Buchenwald und entsprechender Archive sowie Aussagen ehemaliger Häftlinge. Im ersten Teil wird die Homosexuellenverfolgung unter dem NS-Regime generell beleuchtet. Die vorhandene Literatur dürfte bislang nur Spezialisten bekannt sein. Nun werden einem breiten Publikum ideologischer Hintergrund und (Un-)Rechtsverständnis nationalsozialistischer Homosexuellenverfolgung deutlich. In dieser Denkart galten Schwule als krank; biologisch wurde von "rassevernichtenden Entartungserscheinungen" gesprochen (vgl. S.7). Die Nazipropaganda behandelt sie als Gegner, deren soziales Umfeld von Juden und Kommunisten beherrscht sei (vgl. 5. 8). Von daher macht der Autor die innere Logik der Vernichtung Homosexueller ihren stufenweisen Ausbau bis hin zur systematischen Verfolgung und dem Versuch einer "Endlösung des Problems" deutlich. Die im zweiten Abschnitt publizierten Aussagen zur Lage der Homosexuellen in den Konzentrationslagern machen das Dilemma der Forschung deutlich. Um zu allgemeingültigen Thesen zu gelangen, bedarf es der empirischen Analyse in mehreren ehemaligen KZ. Bislang kann die Gesamtzahl der inhaftierten Homosexuellen nur vage auf 5000 bis 15000 geschätzt werden (5. 14). Als sicher gilt indes, daß Häftlinge mit dem rosa Winkel wohl in jedem Lager vergleichsweise geringe Überlebenschancen hatten, standen sie doch am untersten Ende der von der SS installierten Lagerhierarchie. Der Hauptteil der vorliegenden Publikation beschäftigt sich mit dem Schicksal homosexueller Häftlinge in Buchenwald. Zunächst wird versucht, die rein quantitative "Entwicklung" zu erfassen. Während zur Lagergründung im Juli 1937 noch keine "175er" vermerkt wurden, waren es Ende 1938 insgesamt 30. Diese Zahl ist bis Frühjahr 940 relativ konstant geblieben. Ab 1942 nahm diese Häftlingsgruppe wesentlich zu. Insgesamt waren ca. 500 Homosexuelle in sogenannter Schutzhaft (0,2 Prozent aller Häftlinge). Dem Autor ist es gelungen, bisher 488 als homosexuell Gekennzeichnete dem Vergessen zu entreißen, indem er ihre Namen und größtenteils weitere Angaben Geburtsdatum, Geburtsort, Einlieferungsdatum, Todes- oder Überstellungsdatum, zum Teil auch Berufe) ermittelte. Ein knappes Drittel dieser namentlich bekannten Homosexuellen verstarb im Lager. Wichtig aus heutiger Sicht ist die Erkenntnis, daß auch die Insassen der KZ keine festgefügte Gemeinschaft darstellten. Massiv wurden homosexuelle auch von Mithäftlingen ausgegrenzt. Bei Gefangenen anderer Kategorien genügte allein der Verdacht gleichgeschlechtlicher Neigung, um sie der Mißachtung und verschärften Bedingungen (Arbeit im Strafkommando Steinbruch) auszusetzen. Auch von Denunziation wird berichtet. Die Nazis hatten die politische Forderung nach "Ausmerzung" der Homosexualität erhoben; in den Konzentrationslagern wurde sie realisiert. Im KZ Buchenwald war die Kastration eine besonders inhumane Form, auch im Sinne medizinischer Forschung. Oft wurden die Gefangenen davon "überzeugt", sich einer solchen Prozedur "freiwillig" zu unterziehen. Bei verschiedensten medizinischen Versuchen wurden Homosexuelle neben Juden "bevorzugt". Insgesamt stellt die über die Nationale Mahn- und Gedenkstätte Buchenwald zu beziehende Publikation eine Variante dar, den weißen Fleck in der Forschung und im öffentlichen Bewußtsein auszufüllen. Folgen sollten Analysen in anderen Gedenkstätten, um bestimmte recht allgemeine Aussagen hinterfragen zu können. In diesem Sinne wäre eine intensive überregionale Zusammenarbeit sicherlich geboten und interessant. Auf zwei Fragen sei hier jedoch noch hingewiesen: Wie kann man dem Fakt, daß "die 175er" eine sehr heterogene Häftlingsgruppe verkörperten, in der Darstellung gerecht werden, um nicht falsche Rückschlüsse (beispielsweise einen vermeintlich engen Zusammenhang zwischen Nationalsozialismus und Homosexualität) zu provozieren? Wenig verständlich ist auch, warum in den faksimilierten Dokumenten "aus datenschutztechnischen Gründen" alle Namen - sogar die der Ermordeten - unkenntlich gemacht wurden, da man sie doch dem Vergessen entreißen wollte.

Der Autor ist Mitarbeiter des "Sachsenhausen-Projekts" zur Erforschung des Schicksals homosexueller Häftlinge im KZ Sachsenhausen.

Erschienen in "Neues Deutschland", 21. 10. 1992

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