Monopoly für Schwule

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Das verblichene Schwulenmagazin magnus hinterläßt eine Lücke, die es nie füllen konnte "Coming out der Manager" titelte im März das Schwulenmagazin magnus. Es war seine letzte Nummer; die erste war im Juni 1989 als kommerzieller Nachfolger der semiprofessionellen Rosa Flieder aus Nürnberg, gegründet 1974, und Siegessäule aus der Ex-Frontstadt, entstanden 1981. Für das nun bundesweite Medium wurden hehre Ansprüche postuliert. Der Titel war eine Reminiszenz an den Sexualforscher Magnus Hirschfeld, "von der Bewegung für die Bewegung" lautete das Motto, und diese ließ sich die Patenschaft 100.000 DM kosten. In den ersten Jahrgängen noch erkennbaren Ansprüchen folgte bald die Unterordnung der Inhalte unter den Markt. Linke Akzente wurden seltener gesetzt, Kultur und Lifestyle machten sich breit. Fotoreihen tauchten auf, Triviales wurde zu tragenden Artikeln. Im Impressum fanden sich sowohl ein Ressort Feuilleton als auch ein Ressort Kultur, während die Politik mit der Wissenschaft gebündelt wurde. Die "Bewegung" kam kaum noch vor, umso mehr die "Szene". Parallel stieg das Anzeigenaufkommen. Aber es gab mehr zu holen. Die Kommerz-Szene der Metropolen boomte, und der überregionale magnus war nicht ihr geeigneter Werbeträger. Für Berlin wurde die Siegessäule reanimiert * zuletzt einzig profitables Geschäft der gesamten magnus Medien Verlags GmbH. Ähnliches versprach sich Geschäftsführer Bernd Offermann von anderen regionalen Werbemärkten wie dem Rhein-Main-Gebiet, Hamburg und Nordrhein-Westfalen. Bei seinen Vorstößen war magnus nicht eben zimperlich. Als in NRW ab Frühjahr 1993 das Programmblatt Erwin installiert werden sollte, gedachte man über die formale Herausgeberschaft des "Schwulen Netzwerks NRW e.V." auch dessen Geldfonds anzuzapfen; just hatte das Netzwerk einen sechsstelligen Zuschuß vom Sozialministerium erhalten. Inhalte sollten die ehrenamtlichen Lokalblätter zuliefern. Aber die rebellierten und meuchelten Erwin dahin. Dafür beglückte magnus später Hamburgs Schwule mit hinnerk. Keinen Fuß hingegen bekam magnus auf neubundesdeutschen Boden. Es gebrach an der Sprache der Ossis und am Verständnis derer Probleme, und hier und da wurden Ost-Schwule auch schon mal schlichtweg für blöd erklärt. Mit Politik-, Wissenschafts- und Chefredakteur Gunnar Döbberthin kam zwar ein Ossi zum Blatt, der aber nach eigenem Bekunden nie etwas mit der DDR-Schwulenszene zu tun gehabt hatte. Indes stank auch im Anschlußgebiet das Geld nicht, und so versuchte magnus im Juli 1992 einen Coup: Finanziert durch die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung sowie die Ost-Gesundheitsministerien wurde gemeinsam mit der Deutschen AIDS-Hilfe ein kaum an der Spezifik des Ostens orientiertes Gratis-Sonderheft AIDS produziert: 60.000 Stück, das Dreifache der Regelauflage. Doch der Werbeeffekt blieb aus, und der Ost-Markt der Konkurrenz überlassen, so der im März 1990 in Ost-Berlin gegründeten Anderen Welt. Versuche von magnus, Die Andere Welt als vierseitige "magnus-Ost-Beilage" zu vereinnahmen, waren schon Ende 1990 gescheitert. Ähnliche Flops wurden magnus-Shop, magnus-Buch, magnus-line oder das Berliner Festival Homolulu 1992. Als 1995 die Telefonsex-Anzeigen wegen Telekom-Eingriffen ausblieben, ging es rasant bergab. Hastig wurden der rentable hinnerk verkauft, der Beihefter szene magnus im Umfang reduziert. Doch alles half nichts. Die Kommerz-Szene ließ sich nicht herab, zu helfen - sie hat inzwischen andere Werbeträger zur Auswahl -, und die politische hat das Interesse an magnus verloren. Ende April mußte der Verlag endgültig Konkurs anmelden. Über eine Million DM Schulden stehen zu Buche, wie MdA Albert Eckert, Mitinitiator und häufiger Kritiker des Magazins, am 28. April dem ND sagte. "Undurchdachte Expansion" sei der Grund für magnus' Niedergang gewesen. Das mag auch sein. Die "größte Zeitschrift für Homosexuelle im nichtpornographischen Bereich" (ND) fand mangels klaren Profils niemals ihre ursprünglich anvisierte Zielgruppe: politisierte Schwule jeglichen Alters. Im Gegenteil trug sie zu Zeiten allgemeinen Rechtsrucks - auch in der Schwulenszene - eher zur Entsolidarisierung bei. Daß andere die besserverdienenden, konsumorientierten Schwulen zwischen 18 und 39 besser bedienen oder jene, die nach hübschen Nackedeis suchen, hat magnus überflüssig gemacht. Das "Coming out der Manager" endete für ihn in der Pleite. So ist eben die vielgepriesene Marktwirtschaft.

Eike Stedefeldt

Erschienen in "Junge Welt", 11. 5. 1995

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