Ich habe zu viele Leben gelebt Zwischen Berlin, Paris und
Ravensbrück

 

  Die Chansonniére Eva Busch war zu einer "Berliner Lektion" auf der Bühne des Renaissance-Theaters Es kann schon seltsam anmuten, zur Matinee einer ausgewiesenen Boulevardbühne mit dem Langhoff-Song "Die Moorsoldaten" begrüßt zu werden.

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So geschehen am Sonntag im Renaissance-Theater, wo man traditionell zu den Festwochen "Berliner Lektionen" erteilt. Hundert Philosophen, Wissenschaftler, Künstler, Politiker äußerten sich hier seit 1987 - mehr oder weniger tiefschürfend, zumeist anhand der eigenen Vita. Aktuell stehen die Berliner Festwochen im Zeichen deutsch-französischer Beziehungen, und mit Eva Busch haben die Veranstalter gewiß eine gute Wahl getroffen. Die "Pariserin aus Berlin oder Berlinerin aus Paris" ist zudem im männlichen Reigen der diesjährigen Protagonisten - Valéry Giscard d'Estaing, Helmut Schmidt, Heinz Berggruen, Matthias Langhoff, Jean François-Poncet und Michel Tournier - im Wortsinne die einzige Frauenstimme. Aber was für eine! Und mit welcher Biographie! Anders als ihr Mann ist sie Jüngeren hierzulande kaum bekannt; selbst renommierte Lexika führen ihren Namen nicht. Als uneheliche Tochter der staatenlosen Wagner-Diva Emmy Zimmermann in zum Glück wohlhabende Kreise hineingeboren, bekommt die junge Eva Senta Elisabeth Gesangs-, Tanz- und Schauspielstunden, u.a. an der berühmten Reinhardt-Schule. Sie gelangt in Rudolf Nelsons berühmtes Kabarett "Chat Noir" an der Friedrichstraße, wird mit Schlagern bekannt, trifft beim Kabarett auf Ernst Busch, den neun Jahre älteren "Barrikaden-Tauber". Die Bürgerliche heiratet den Kommunisten 1932 und emigriert mit ihm 1933. Das folgende Nomadenleben - Niederlande, Belgien, Schweiz (wo sie in Zürich zeitweise Erika Manns Exilkabarett "Die Pfeffermühle" angehört), USA und immer wieder Frankreich - stellt die Ehe in Frage: "Die Scheidung war kein Mangel an Liebe, sondern unsere Ehe war einfach unmöglich." Seit 1935 wieder allein und ab 1937 als Ausgebürgerte wieder staatenlos, wird Eva Busch im Exil mit Chansons zum Star. In ihrer "Traumstadt" Paris erlebt sie 1940 die Besetzung Frankreichs; der damalige Partner und Chef ihrer Plattenfirma, Jean Bérard, kollaboriert mit den Nazis, und am fünften Tage des durch ihn vermittelten Engagements am Pariser Cabaret "ABC" folgen Auftrittsverbot, Verhaftung, Folter und KZ. "Vier Jahre war ich in Ravensbrück. Von diesen Unmenschlichkeiten wollte ich in meinem Buch berichten, aber ich konnte das nicht. Man kann es einfach nicht erzählen." Dennoch ist Eva Busch auch in Deutschland überaus beliebt, wie sie nach 1945 erfährt: "Wegen Goebbels' Dummheit bin ich hier bekannt geworden. Obwohl meine Platten verboten waren, schickte er sie an alle Fronten." Kurz vor Kriegsende entlassen, zwangsverpflichtet im "Wehrmachtsnachtkabarett" und nach der Befreiung wieder in Paris, begegnet sie George Sinclair. "Wir lernten uns am 6. Januar 1946 kennen. Es war, und das gebe ich hier offen zu, Liebe auf den ersten Blick." Was gibt's da zuzugeben? - Sinclair ist Journalistin bei "Paris Soir", eine Frau, "mit der die Sängerin fortan menschlich und künstlerisch eng verbunden blieb", teilt das Programmblatt verschämt über eine 36 Jahre währende Partnerschaft mit. "Wir wußten, daß wir uns nie wieder trennen würden ... Wir hatten das Gefühl, daß nur der Tod uns trennen würde", so Busch in ihren Memoiren "Et Pourtant". Sinclair schreibt Gedichte, Busch läßt sie vertonen. Sie feiern Erfolge mit Chansons und gemeinsamen Rundfunksendungen. Als Sinclair 1982 an Stimmbandkrebs erkrankt, beendet Eva Busch ihre Bühnenkarriere, um die Geliebte zu pflegen. Tatsächlich trennt beide am 19. Mai 1984 erst Sinclairs Tod. Busch gibt das gemeinsame Anwesen auf und zieht nach München, wo sie noch heute lebt, obwohl sie die Stadt nicht mag. Was nun holt ein stichwortgebender Journalist aus einem solchen Leben heraus an "Lektionen" fürs Publikum? Der Kulturkritiker Klaus Geitel beschränkte sich leider auf die Vita der Busch: chronologisch, vielfach anekdotenhaft, damit streckenweise zwar recht unterhaltsam, aber eher dem Ort angemessen als dem pädagogischen Titel der Veranstaltung. Ansatzweise die Persönlichkeit Eva Busch kennenzulernen, war somit kaum möglich. Was hätte sich da nicht alles angeboten! "Auch damals ging rasch jeder Frühling vorbei/man fragte sich nie, wie lang hält er/Ach, man hatte ja Zeit, soviel Zeit zu verschwenden/und machte sich gern sogar älter", heißt es im Chanson "Das ist die Straße". Buschs eigenes Alter ist indes tabu: CD-Cover wie "Lektionen-Programm" datieren ihre Geburt "gegen Ende des Ersten Weltkrieges". In den in ihren Memoiren faksimilierten Dokumenten ist die Jahreszahl 1909 hinter dem 22. Mai ausradiert oder, noch alberner, auf 1920/22 geändert. Paßt das zu einer Sängerin, die stolz darauf ist, ökonomisch nie abhängig gewesen zu sein, die sich Männern wie Frauen hingab, die mal Nonne werden wollte, die längere Zeit in einer "Ménage à trois" lebte, zumal mit ihrem kommunistischen Ex-Mann und dem zwar hitlerkritischen, aber eben doch Luftwaffenmajor a.D., Victor Schulz? Wie konnte letzteres überhaupt funktionieren? Nein, nur allzu selten schimmerte im Renaissance-Theater etwas von der - legitimen - Widersprüchlichkeit einer Zeitzeugin durch, die sagt, sie habe zu viele Leben gelebt. Eloquenz ist ihr so wenig abzusprechen wie Pariser Chic. "Herz mit Schnauze", die typische berlinische Schlagfertigkeit, hat sie sich bewahrt (Geitel: "Wie macht man Karriere in Paris?" Busch: "Indem man gut singt!"), und kann dennoch ihre Herkunft nicht vergessen: "Antifaschistin war ich, keine Kommunistin" - ein Fakt, gewiß. Et pourtant, und trotzdem: Wenn Geitel in einem bösen Faux-pas ihren Ex-Mann für sein Festhalten am Kommunismus "bis zuletzt" denunziert, warum weist sie ihn - "Ernst Busch war die Liebe meines Lebens" - nicht in die Schranken? Sie, die auch Eisler, Brecht, Aragon interpretierte? "Seit ein paar Jahren bin ich wieder in Deutschland. Hier verletzt mich manchmal eine besondere Form der Vergeßlichkeit. Ich kann die Jahre meiner Gefangenschaft im KZ nicht vergessen. Anpassung und Opportunismus ertrage ich hier besonders schwer", schreibt die Busch in ihren lesenswerten Memoiren. - Ihr Verhältnis zum heutigen Deutschland aufzugreifen (etwa mit der Frage zum Tengelmannschen Supermarkt auf dem Ravensbrücker KZ-Gelände, die Proteste dagegen und vor allem dafür) hätte sicher lohnenswerteren Stoff für eine "Berliner Lektion" ergeben.

Eike Stedefeldt

Eva Busch: Und trotzdem. Albrecht Knaus Verlag, München 1991, 347 S., 38 DM Eva Busch und ihre Lieder. Preiser Records, Wien 1991, 35 DM

Erschienen in "Junge Welt", 18. 9. 1996 

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