Mann im falschen Körper oder Lesbe ihrer Zeit

Mit den Liebesbriefen der Radclyffe Hall allein läßt sich das komplexe Beziehungsdrama der Schriftstellerin nicht erfassen.

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Angesichts der immer größer werdenden Präsenz von Lesben und Schwulen im öffentlichen Leben ist es fast kaum mehr vorstellbar, daß dieser Teil der Bevölkerung vor nicht allzu langer Zeit bestenfalls im "Untergrund", auch Sub genannt, anzutreffen war. Selbst in den von vielen Homos mit nostalgischen Gefühlen betrachteten 20er Jahren waren Lesben und Schwule gerade mal eine geduldete Randgruppe, die nicht selten in ihren Lokalen vom Rest der Welt wie ein Haufen exotischer Tiere bestaunt wurde. So gab es zwar in den kulturellen Zentren Europas im wissenschaftlichen wie publizistischen Bereich auch damals schon durchaus aufklärerische Ansätze, trotzdem war das Leben als sogenannte/r Homosexuelle/r alles andere als einfach. Aber wie (über-) lebten sie zu einer Zeit, als es weder schwule noch lesbische Therapeutinnen, geschweige denn ein einigermaßen demokratisches soziales Umfeld gab? Ein Beispiel für die emotionale Abhängigkeit, in die Frauen hineinrutschen konnten, ist die englische Schriftstellerin Radclyffe Hall, die Ende der 20er Jahre den Roman Quell der Einsamkeit schrieb. In der tragischen Geschichte um eine adlige Landlesbe schwingen autobiographische Untertöne mit, die ein ziemlich düsteres Bild von Frauenliebe entwerfen. Kaum erschienen, fällt das Werk der britischen Zensur zum Opfer, auf Grund eines 1857 erschienenen Gesetzes gilt es als "obszöne Literatur". Im viktorianischen England gibt es kaum etwas Schlimmeres als Indiskretion, und da die Autorin selbst in höheren Kreisen verkehrt und schon längst inoffiziell bekannt ist, daß sie seit 1920 ein erotisches Verhältnis mit der Ehefrau des damaligen Flottenadmirals des Empires, die Bildhauerin Una Lady Troubridge, unterhält, kennt der aristokratische Mob kein Pardon. Glücklicherweise ist das mittlerweile zusammenlebende Paar Hall/Troubridge durch eine größere Erbschaft soweit finanziell abgesichert, daß es sich nach dem Skandal um das Buch erst einmal aufs Land zurückziehen kann, um dort für eine Weile Dackel zu züchten. Im Frühsommer des Jahres 1934 fahren die beiden Frauen nach Frankreich in den Urlaub. Dort erkrankt Lady Troubridge und sie beschließen, aus Paris eine private Pflegerin anzufordern. Vom dortigen Amerikanischen Krankenhaus schickt man ihnen Evguenia Souline, die dreißigjährige Tochter eines wegen der Oktoberrevolution aus Rußland geflohenen Generals. Evguenia hat Heimat und Familie verloren und ist deshalb nicht nur mittellos, sondern aufgrund einer Tuberkulose auch von schwacher Gesundheit. Trotzdem pflegt sie Lady Troubridge mit Aufopferung und erntet dafür nicht nur den Dank der um 20 Jahre älteren Frauen, sondern zusätzlich die Leidenschaft der Radclyffe Hall, die sich heiß und stürmisch in sie verliebt. An diesem Punkt ist für deren Lebenspartnerin allerdings Schluß mit lustig - und es entwickelt sich eine mehrjährige hysterische Dreiecksbeziehung mit überaus tragischem Ende. Hall stirbt 1943 nach längerer Krankheit, Souline 1956 völlig verarmt, und Troubridge 1963. Der Nachwelt erhalten bleibt der jahrelange Briefwechsel zwischen der Schriftstellerin und ihrer Geliebten, das heißt, fast ausschließlich die Briefe von Hall, denn die Antwortbriefe Soulines werden nach Halls Tod alle bis auf einen von deren Lebensgefährtin Una verbrannt. Diese macht nicht einmal Halt vor dem letzten von Hall verfaßten Buchmanuskript, das sie ebenfalls vernichtet, weil es sie inhaltlich zu sehr an die Liebe von Hall zu Souline erinnert. Obwohl sie ihrer Freundin am Totenbett verspricht, sich finanziell um Souline zu kümmern, übt sie späte Rache, indem sie sie mit Almosen abspeist. Paradoxerweise hatte Hall vor allem in den letzten Jahren ihrer Beziehung versucht, Souline, die sich von ihr trennen wollte, mit Geld an sich zu binden. Wer die Briefe Halls an die Geliebte liest, staunt nicht schlecht über den zum Teil extrem sexistischen Ton, mit dem eine Frau das Recht auf eine andere einfordert. In diesem Falle ist es ausgerechnet auch noch eine in einer festen Beziehung Lebende, die von ihrer Mätresse die exklusive Treue einfordert. So verlangt Hall in einem ihrer Briefe: "Du gehörst zu mir, vergiß es nicht. Du würdest verhungern, wenn ich Dich lange Zeit alleine ließe. Niemand außer mir hat das Recht, Dich anzurühren. Ich habe Dich entjungfert, hörst Du? Ich habe Dich alles gelehrt, was Du über die Liebe weißt. Du gehörst mit Körper und Seele zu mir, und ich erhebe Anspruch auf Dich. Und dies ist kein flüchtiger Gedanke - für mich ist es die harte und grimmige Wahrheit." Das hört sich in der Tat nach einer ziemlichen Hardcore-Beziehung an. Ob Radclyffe Hall eine typische Lesbe ihrer Zeit war? Sie wird beschrieben als "eigenwillige und widersprüchliche Frau; ruhelos, dominant und streitlustig, Lesbe, aber zugleich devote Katholikin und Spiritualistin, Liebhaberin von antiken Möbeln und mondänen Badeorten, begeisterte Jagdreiterin und Hundezüchterin, aristokratisch denkende Engländerin und Verehrerin Mussolinis." Ihrem Selbstverständnis nach war sie ein Mann im falschen Körper und konnte sich zeitlebens nicht mit der Frauenbewegung anfreunden. All dies ist nachzulesen in dem kürzlich erschienen Buch Deine John, in dem die Briefe Halls an die Geliebte Souline in den dazugehörigen geschichtlichen Kontext gesetzt werden. Offen bleibt jedoch neben der vergeblichen Suche nach dem vielleicht einzigen, aber immerhin erhaltenen Brief Soulines an Hall auch die Frage nach dem Warum dieser doch für alle Beteiligten recht qualvollen Ménage à trois. Dabei hätte ein Blick in die frühen Jahre der Schriftstellerin durchaus Aufschluß über das Motiv der Schlüsselfigur Hall in diesem Drama gegeben. Radclyffe Hall selbst war in ihrer Jugend die Geliebte einer wesentlich älteren Frau, die sie als eine Art Mutterersatz verehrte, und hatte vielleicht auch deshalb den Wunsch, eine solche Beziehung, allerdings mit umgekehrten Vorzeichen, wiederzuerleben. Auch das doch sehr garstige Verhalten ihrer Lebensgefährtin wäre mit Blick auf die Vergangenheit einleuchtender erschienen: Hatte sie doch Hall zu der Zeit kennengelernt, als diese noch mit der älteren Freundin lebte und somit quasi von Anfang an um ihre Liebe bangen und kämpfen müssen. Aber vielleicht setzten ja die Herausgeberinnen der edition ebersbach eben dieses Wissen voraus, als sie die Briefe der deutschsprachigen Öffentlichkeit vorlegten. Deine John.

Von Lizzie Pricken

Die Liebesbriefe der Radclyffe Hall. Übersetzt und mit einem Nachwort von Annette Huber. edition ebersbach, Dortmund 1999, 120 Seiten, 26,80 DM

Erschienen in "Gigi" (Berlin), August/September 1999

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