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Unbestimmbar,
aber wahr
Die Liebe läßt sich schlecht klassifizieren:
Christine Wunnicke auf den Spuren Carl von Linnés. Von Jörg
Enderlein
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Carl Linnaeus, später geadelt zu Carl von Linné,
wurde am 23. Mai 1707 in der südschwedischen Provinz Småland
als Sohn eines Pastors geboren. Die Familie war nicht wohlhabend und sah
für den Sprößling eine Pastorenlaufbahn vor - analog zu
der seines Vaters. Aber das vollständige Desinteresse Carls an einer
solchen Laufbahn führte schließlich dazu, daß er 1727
ein Medizinstudium an der Universität Lund aufnahm, welches er 1733
in Uppsala zu Ende führte. Während dieser und den sich direkt
anschließenden zwei Jahren entwickelte Linnaeus das, wofür
er der Nachwelt (und auch schon seinen Zeitgenossen) bekannt und berühmt
werden sollte: eine allumfassende systematische Klassifikation aller Lebewesen,
Pflanzen wie Tiere. Noch heute bildet das Grundschema dieser Linnaeschen
Klassifikation der lebendigen Natur das Fundament der systematischen Biologie.
Bei der Erarbeitung seines Systems kam Linnaeus sein geradezu manischer
Trieb entgegen, alles und jedes in Kategorien sortieren und einteilen
zu müssen. Als er Professor wurde, erteilte er seinen Studenten Unterricht
in militärischer Organisation: Sie hatten eine spezielle "botanische
Uniform" zu tragen, in welcher sie täglich pünktlich um
sieben Uhr in die Natur hinauszogen, um dort in protestantischer Strenge
und Disziplin zu botanisieren und des Professors Vorträgen zu lauschen.
Es nimmt wohl kaum Wunder, daß Linnaeus als sehr konservativer Mann
galt, der trotz seines enzyklopädischen Wissens über die belebte
Natur zeit seines Lebens jeden Gedanken an eine Wandelbarkeit der Arten
strikt ablehnte und an der prinzipiellen Unverändertheit der Dinge
vom ersten Tage an festhielt. Dadurch vermochte er seinem fast schon krankhaften
Klassifikationstrieb die göttliche Aura der Katalogisierung der unwandelbaren,
dem Herrn zu verdankenden Schöpfung zu geben.
Jener Carl Linnaeus kommt einem unweigerlich in den Sinn beim Lesen von
Christine Wunnickes Roman "Die Kunst der Bestimmung", dessen
eine Hauptfigur just ein schwedischer Professor und Naturphilosoph namens
Chrysander ist, welcher von Uppsala nach London reist, um dort die mehr
als kuriose Kuriositätensammlung der noch sehr jungen Royal Society
auszumisten, zu ordnen und zu klassifizieren. Nur, daß Chrysander
seine Reise nach London schon 1678 antritt, also ein weniges vor der Geburt
des realen Linnaeus. Sonst jedoch sind die Parallelen unübersehbar:
Chrysander, der eher trockene Naturphilosoph, dessen Lebenswerk in der
Klassifikation und Sortierung, der "Bestimmung" von Gottes Schöpfung
besteht, in welcher jedes Ding seinen festen, unverrückbaren und
durch ihn, Chrysander, glasklar erkannten Platz hat. Selbst die im Roman
erwähnte botanische Expedition Chrysanders nach Lappland, von welcher
er unter anderem ein im Roman eine zentrale Rolle spielendes Moos und
einen lappländischen Diener nach Hause mitbringt, könnte der
tatsächlich stattgefundenen Expedition Linnaeus' von 1732 abgeschaut
sein. Was Linnaeus' Leben allerdings nicht mehr entlehnt ist, ist das
Ungeheuerliche, was Chrysander in London zustoßen wird: nämlich
in Gestalt des jungen Lord Fearnall. Diesen klassifiziert Chrysander im
ersten Augenblick und völlig falsch als noch etwas unbedarfte Dirne,
welche ihm zu Diensten sein soll - ein fataler Irrtum. Als sich das Ganze
als übler Scherz und Verkleidungsposse zum Gaudi etlicher hochadeliger
Nichtsnutze erweist, ist die Katastrophe auch schon geschehen, Chrysander
blau und grün geschlagen und Lord Fearnall unsterblich verliebt.
Was folgt ist die Liebesgeschichte der beiden Männer - unprätentiös,
leicht und trotzdem mitreißend, voller Ironie und doch niemals lächerlich.
Das furiose, verrückte, an Einfällen kaum zu überbietende
Werben des jungen Fearnall um den erbosten, wütenden, verbissenen
Chrysander. Dessen aufopfernde, hingebungsvolle, von tiefer Liebe geprägte
Pflege des durch ihn fast tödlich verletzten Fearnall. Man muß
sie lesen, diese Dialoge, man muß es lesen, das Spielen und das
Ringen der beiden Männer mit- und umeinander. Und doch kann der Schwede
seinen Geliebten nicht endgültig klassifizieren, ordnen - eben bestimmen,
findet ein solches Geschehen keinen festen Platz in Chrysanders eherner
göttlicher Ordnung der Welt. Fearnall entgleitet ihm, Fearnall entgleitet
der Welt, und am Ende bringt der Professor seinen toten Geliebten zurück
aus dem eisigen Norden Schwedens heim nach Uppsala.
Christine Wunnicke erzählt diese Liebesgeschichte in einer wundervoll
klaren und doch hochliterarischen Sprache. Jeder Satz geschliffen und
vollendet, stilsicher die Diktion der Zeit nachempfindend. Dieses Buch
beweist schlüssig und endgültig, daß es keine "schwule
Literatur" gibt, sondern nur gute oder schlechte. Der Roman ist sicherlich
einer der besten, den der hiesige Büchermarkt in letzter Zeit gesehen
hat.
Christine Wunnicke: Die Kunst der Bestimmung.
Kindler Verlag, Berlin 2003, 302 Seiten, gebunden, 19,90 Euro
Jörg
Enderlein
Erschienen in "Junge Welt", 4. 2. 2004
©
SCHLIPS. Nachdrucke, auch auszugsweise, nur mit schriftlicher Genehmigung.
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